Vergessen !

Familie Merx betreut behinderte Tochter

„Wir werden aktuell wohl vergessen“

Foto: Kati und Frank Merx bei der nachmittäglichen Radtour durchs Münsterland.

Von Stephan Werschkull

REKEN/GEMEN. Wenn man mit Frank Merx über die Betreuungssituation seiner Tochter Kati spricht, wird sein sonst rheinländisch-fröhlicher Tonfall schlagartig ernst. „Wir werden aktuell von den Politikern wohl vergessen“, sagt der 60-jährige Rekener, der gebürtig aus Köln stammt. Die zwölfjährige Kati ist von einer seltenen Gen-Mutation betroffen. Sie kann nur mit speziellen Orthesen laufen und ihre Hände nicht so nutzen, wie sie es gerne möchte. Eigentlich besucht sie die Gemener Neumühlenschule. Wie andere Schulen auch, wurde die Einrichtung geschlossen. Im Gegensatz zu anderen Schulen bleibt sie es auch auf unbestimmte Zeit. Für Familie Merx bedeutet das, dass sie sich jetzt 24 Stunden am Tag um ihre Tochter kümmern muss.

Aus dem Schulministerium heißt es, Förderschulen mit dem Schwerpunkt Geistige Entwicklung seien „vorerst geschlossen“. Den Schülern dort sei es „nicht immer in ausreichendem Maße möglich“, die aktuell notwendigen Regeln zu befolgen. Außerdem benötigten die Schüler oftmals pflegerische und therapeutische Angebote, die besonderen Hygienemaßnahmen unterliegen.

Bei Familie Merx ändert die Schulschließung den Alltag komplett. Sabine Merx, Katis Mutter, erklärt: „Wir können sie nicht allein lassen und müssen sie den ganzen Tag versorgen.“ Den Vormittag, an dem sich normalerweise in der Schule um Kati gekümmert werde, habe sie zur freien Verfügung gehabt. „Zeit für mich selbst habe ich nun nicht mehr“, merkt Sabine Merx an. Professionelle Hilfe sei schwer zu bekommen. 1612 Euro stehen pro Jahr für die sogenannte Verhinderungspflege zur Verfügung, so Frank Merx. Doch die Pflegedienstleister litten unter Personalmangel. „Hinzu kommt, dass die Unternehmen einen Stundensatz von bis zu 40 Euro haben. Da ist das Budget schnell weg“, rechnet Merx.

Ein Problem, mit dem er und seine Frau kämpfen: Kati hat Angst vor lauten Geräuschen. Staubsaugen war nur dann möglich, wenn die Tochter in der Schule war. Die pragmatische Lösung der Familie Merx: Vater Frank fährt mit Kati in einem speziellen Fahrrad nachmittags durch das Westmünsterland. In der Zeit kann dann daheim der Staubsauger Krach machen. „Drei bis vier Stunden sind wir dann unterwegs“, berichtet der 60-Jährige. Die Touren würden auch die Stimmung seiner Tochter heben.

Um die Stimmung ihrer Schüler macht sich Silke Nürnberg, Leiterin von Katis Schule, der Neumühlenschule in Gemen, Sorgen. „Unsere Schüler kommen sehr gerne zur Schule“, berichtet sie. Schon ein reguläres Wochenende ohne Unterricht bedauere so mancher Schüler. Umso schwerer treffe die Schließung die Kinder und Jugendlichen. Ihr Kollegium arbeite aktuell täglich daran, die Schüler mit Aufgaben zu versorgen. „Im Schulalltag arbeiten wir individuell mit den Schülern. Jetzt muss es natürlich auch individuell laufen“, meint Nürnberg. Nicht alle Schüler könnten Aufgaben daheim erledigen. Doch eine Aktion sei für alle geeignet: die Singpause. „Immer am Dienstag trifft sich normalerweise die ganze Schule, und es wird musiziert“, so Nürnberg. Musiklehrer Tobias Heynen hat die regelmäßige Veranstaltung nun ins Internet gebracht. Die Singpause existiert weiter, aber auf Facebook statt im Schulgebäude.

Doch genau das Schulgebäude sei es, das Kati fehle, meint ihre Mutter. „Kati spielt gerne mit Wasser. Zu Hause heißt das, dass es eine Überschwemmung in der Küche gibt. Die Schule hat dafür andere räumliche Möglichkeiten“, sagt Merx und fügt an, dass die Schule auch die passenden Außenanlagen habe – im Gegensatz zur Familie selbst.

Etwas anderes seien Schulferien, sagt Frank Merx. Zwar sei Kati dann auch den ganzen Tag daheim, jedoch bestehe die Möglichkeit für viele Unternehmungen. Das erleichtere die Situation und mache die Zeit für Kati kurzweiliger. Aktuell ist das nicht möglich, weil Tierparks und ähnliche Einrichtungen geschlossen sind.

Kati macht es bis jetzt noch gut mit“, freut sich Frank Merx. „Dass wir sie gut versorgen können, liegt aber auch daran, dass ich Frühpensionär bin“, führt er an. Bei anderen Familien sehe es schwieriger aus, insbesondere wenn beide Eltern berufstätig seien.

Für sich und andere Betroffene hofft Sabine Merx auf eine schnelle Hilfe aus der Politik. Ihr Vorschlag, um Eltern von betreuungsbedürftigen Kindern zu entlasten: „Vielleicht lässt es sich so organisieren, dass jedes Kind zumindest einen Tag alle zwei Wochen von Schulkräften betreut werden kann.“ Natürlich nur, wenn man das Risiko gering halten könne, schränkt sie ihren Wunsch ein.

Claudia Middendorf, die Beauftragte der NRW-Landesregierung für Menschen mit Behinderung, schlägt auch vor, dass Schulbegleiter für die Entlastung der Eltern sorgen könnten. Auf Anfrage der BZ erklärte sie schriftlich, sie sehe das als einzige Möglichkeit, um dem Bedarf der Kinder gerecht zu werden, während die Eltern entlastet würden. „Diese Erkenntnis konnte ich aus zahlreichen Gesprächen mit Eltern und Verbänden gewinnen“, so Middendorf. Sie sei zuversichtlich, dass die Landesregierung zeitnah eine Lösung erarbeiten werde. Für Familie Merx und andere Familien käme eine Entlastung recht. „Viele Familien mit behinderten Kindern sind aktuell verzweifelt“, so Sabine Merx, die sich in sozialen Netzwerken mit anderen Betroffenen austauscht. Ihr Mann fasst zusammen: „Wir gehen auf dem Zahnfleisch.“

„Zur psychischen Belastung kommt noch dazu, dass es ja auch körperlich anstrengend ist.“
Mutter Sabine Merx

„Als Landesbeauftragte habe ich daher die Schulministerin angeschrieben und um Hilfe für die Familien gebeten.“
Claudia Middendorf

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